Ökokontofläche - Stadtwerke München - Fallschacht Gleißental

Schreiben am 17.02.2009 an Herrn Bürgermeister Schelle und die Mitglieder des Gemeinderates

Die im letzten halben Jahr durchgeführten umfangreichen Erdarbeiten am Lanzenhaarer Feld - oberhalb der Hangkante (siehe Karte unten) - haben bei etlichen Bürgern Fragen nach dem Sinn dieser Maßnahmen aufkommen lassen.
Es gab verschiedenartigste und auch unzutreffende Vermutungen über die Beteiligung des BUND Naturschutz Oberhaching an diesen Erdbewegungen. Bisher haben Oberhachinger Bürger, aber offenbar auch viele Gemeinderatsmitglieder, keine Informationen über diesen Vorgang.
Um interessierten Bürgern den Sachverhalt entsprechend dem uns vorliegenden Kenntnisstand darzustellen, werden wir den Text und die Fotos in der Anlage auf unserer Homepage www.oberhaching.bund-naturschutz.de veröffentlichen.


Projektverlauf:
2008 wurden die Bauarbeiten an der neuen Trinkwasserzuleitung vom Mangfalltal zum Hochzonenbehälter der Stadtwerke München (SWM) abgeschlossen. Dadurch wurden zwei für die Baumaßnahmen in Anspruch genommene Flächen wieder frei. Eine dieser Flächen befindet sich an der östlichen Hangkante am Lanzenhaarer Feld im Bereich des schon bestehenden Wasserbauwerkes und wird als „Fallschacht Gleißental“ (siehe Kartenausschnitt) bezeichnet.
Auf dieser Fläche wurden im Sommer 2007 in Wasserlachen Laichschnüre der vom Aussterben bedrohten Wechselkröte festgestellt.
Dies veranlasste den BUND Naturschutz Oberhaching (BN) bei den SWM, aber auch beim Landratsamt (LRA) München Untere Naturschutzbehörde, anzufragen, ob diese Fläche, durch geringfügige Umgestaltung aufgewertet, zu einer Ökokontofläche anerkannt werden könnte.
Von den SWM wurde deshalb am 18.12.07 zu einem Vorgespräch eingeladen, an dem neben Vertretern der SWM, Vertreter des LRA Untere Naturschutzbehörde, der Gemeindeverwaltung Oberhaching und des BN, teilnahmen.
Ein vom LRA und BN gemeinsam ausgearbeiteter Vorschlag, die beim Bau zurückgelassene Kiesfläche ohne größere Veränderungen als Lebensraum für Amphibien, insbesondere für Wechselkröten, zu gestalten, wurde diskutiert. Dazu sollte die in Teilen bestehende einfassende Aufschüttung als Schutz vor Befahren, wilden Ablagerungen und gegen Eintrag von Pflanzenschutzmitteln erhalten bleiben. Außerdem müsste das Gelände mit zwei flachen Gewässern und Unterschlupfmöglichkeiten in Form von Nagelfluhbrocken und Wurzelstöcken versehen werden. Abschließend wurde vereinbart, dass die Gestaltungsvorschläge den zuständigen Vorgesetzten der SWM und der Gemeindeverwaltung Oberhaching zur Genehmigung vorgelegt werden. Danach sollten an einem Folgetermin die Detailmaßnahmen und die Ausführungsmodalitäten bei einer Ortsbesichtigung besprochen werden.
Dieses Gespräch mit den gleichen Teilnehmern des Vorgespräches, ergänzt durch einen Planer und Bauleiter der SWM und einer anschließenden Ortsbesichtigung fand am 19.2.08 statt. Die SWM waren im Wesentlichen mit dem am 18.12.07 unterbreiteten Vorschlag einverstanden, die nicht mehr benötigte Baustellenfläche zu einer Ökokontofläche umzugestalten. Auch der Vertreter der Gemeindeverwaltung Oberhaching sagte, seitens der Verwaltung bestünden keine Einwände.

Folgendes wurde vor Ort festgelegt:
Die gesamte Fläche, außer einer Zufahrt zum „Wasserschloss“, wird als Ökokontofläche mit dem Ziel hergerichtet, für Amphibien - insbesondere für Wechselkröten - einen Lebensraum zu schaffen. Dazu wird die an den Außengrenzen teilweise bereits bestehende niedrige Aufschüttung aus Oberboden noch ergänzt bzw. verstärkt. Hierbei wurde eine Höhe von 1,5 m ins Gespräch gebracht, die sich dann auch in dem danach erstellten Plan wiederfand.
Bestehende Asphaltflächen sollen abgebrochen werden, die Kiesflächen in geringer Weise nachmodelliert und zwei Folien/Betonteiche von ca. je 12-16 m² angelegt werden. Als Unterschlupf für die Amphibien sollen Nagelfluhbrocken und Wurzelstöcke eingebaut werden. Die SWM werden hierzu noch einen Plan erstellen, der allen Beteiligten zugestellt werden soll. Zur Anfertigung eines Infotafel-Entwurfs erklärt sich der BN bereit. Der Gestaltungsplan wurde dem BN Mitte März 2008 von den SWM zugeschickt. Die Arbeiten begannen Ende Juni 2008. Es kam bei zwei Ortsterminen am 25.6.08 und 1.7.08 (Teilnehmer: SWM, Baustellenleitung, LRA Untere Naturschutzbehörde, BN Oberhaching) zu Detailfragen wie Lage der Teiche, Einarbeitung von Wurzelstöcken und Nagelfluhbrocken.
Beim Termin am 25.6.08 war die vorhandene Aufschüttung aus kiesigem Material auf der ganzen Länge bereits verstärkt worden. Beim Termin am 1.7.08 war die beauftragte Firma dabei, den Wall mit einer Humusschicht zu überziehen. Dieses fand nicht die Zustimmung des LRA und des BN, da dies nicht den ursprünglichen Vorstellungen entsprach. Der Bauleiter der SWM berief sich auf die Höhenangaben im Plan, ließ aber einige besonders hohe Bereiche wieder abtragen.
Am 3.7.08 setzten die SWM überraschend einen Ortstermin an. (Teilnehmer: Neben Vertretern der SWM, das LRA Untere Naturschutzbehörde, Bauamtsleiter und Umweltbeauftragter der Gemeinde Oberhaching und BN Oberhaching).
Die Vertreter der Gemeindeverwaltung gaben an, keinen Plan erhalten zu haben. Sie wiesen auf die besondere Bedeutung der Hangkante hin und forderten deshalb eine vollständige Beseitigung des Walles. Mit dem Vorschlag, den Wall auf eine erheblich niedrigere Höhe abzutragen, waren die Vertreter der Gemeindeverwaltung nicht einverstanden. Gegen ein Biotop hätte die Gemeindeverwaltung jedoch nichts einzuwenden. Wegen dieser Unstimmigkeiten wurden die Arbeiten an der fast fertigen Baustelle von den SWM eingestellt.
Mit einem Schreiben der SWM vom 2.12.08 wurden die Objektbeteiligten, d.h. LRA Untere Naturschutzbehörde, Gemeindeverwaltung und BN Oberhaching zu einem abschließenden Ortstermin am 8.12.09 eingeladen. Diesem Schreiben ist zu entnehmen, dass am 18.9.08 die SWM mit der Gemeindeverwaltung vereinbart hatten, die Höhe des strittigen Walls zu reduzieren.
Die SWM ließen auch einen Bagger anrücken, der den Wall bis auf ca.70 cm abtrug. Dieses war bereits durch das nach innen Schieben des Erdreichs mit einer Verringerung der offenen Kiesfläche verbunden. Der Vertreter des LRA war trotzdem bereit, diesen Status noch als Ökokontofläche zu akzeptieren. Der Vertreter der Gemeindeverwaltung sah sich jedoch nicht befugt, diesem Vorschlag zuzustimmen und er bestand weiter auf der vollständigen Beseitigung des Walles.
Nachdem keine Einigung zustande kam, wurde von den SWM offenbar beschlossen, den Gedanken an ein Wechselkrötenbiotop aufzugeben und das gesamte Erdreich des Walls sowie den noch abseits lagernden Oberboden flächig auf der Kiesfläche zu verteilen. Die zwei bereits vorhandenen Teiche blieben bestehen. Die zurückgebliebenen flachen Teiche werden nun allenfalls weniger gefährdeten Amphibien genügen, da das für die vom Aussterben bedrohten Wechselkröten notwendige Umfeld fehlt. Inwieweit sich durch ein entsprechendes Pflegekonzept doch noch eine positive Entwicklung für die Natur ergibt, dürfte in erster Linie an der Bereitschaft der SWM liegen, sich hier noch zu engagieren.


Stellungnahme des BN:
Der BN sah in diesem Projekt die Möglichkeit, eine ca. 4800 m² große Biotopfläche von hohem ökologischen Wert zu schaffen, ohne dass der Gemeinde dafür Kosten entstanden wären.
Konnte man doch auch im vergangenen Jahr viel über dringend notwendigen Artenschutz in der Zeitung lesen. Staatsregierung, Landkreis und andere Kommunen lassen es sich etwas kosten, insbesondere dieser seltenen Art, sowie auch anderen bedrohten Amphibienarten das Überleben zu ermöglichen.
Viele Bürger und Kinder hätten an der öffentlich zugänglichen - mit einer Infotafel versehenen – Fläche, bei abendlichen Spaziergängen das Trillern der balzenden Wechselkröten, ev. auch die Unkenrufe der raren Gelbbauchunken oder das laute Konzert der Laubfrösche aus nächster Nähe vernehmen können. Man hätte auch erleben können wie sich allmählich eine nackte Kiesfläche in eine blütenreiche Fläche verwandelt, auf der manche selten gewordenen Pflanzen und Insekten einen neuen Lebensraum gefunden hätten.
Für den BN ist es deshalb schwer verständlich, dass ein solches in unserer Gemeinde einmaliges Projekt letztendlich in dieser Form scheiterte. Der BN hätte es auch für richtig gehalten, dass dieses Projekt in den gemeindlichen Gremien behandelt worden wäre.


Nutzung der Geobasisdaten der Bayerischen Vermessungsverwaltung;
Geobasisdaten: © Bayerische Vermessungsverwaltung

01.12.07: Baustelle "Fallschacht Gleißental" vor der Umgestaltung
zu einer Ökokontofläche mit Zielrichtung Wechselkrötenbiotop

29.06.08: Ökokontofläche mit dem als Schutzfunktion
angedachten umgebenden Kieswall

01.07.08: Kieswall wird mit Humusschicht überzogen

01.07.08: Wurzelstöcke als Unterschlupfmöglichkeit für
Amphibien werden in den Schutzwall eingearbeitet

05.07.08: Südseite der fast fertig gestellten Ökokontofläche nach
Baustellenstop wegen des Einspruchs durch die Gemeinde

18.08.08: Die ruhende Baustelle mit durch
Spontanvegetation überzogenem Wall

08.12.08: Kompromissangebot der SWM an die Gemeinde,
der Wall wird auf ca. 0,7 m abgetragen

11.12.08: "platt" gemachte Ökokontofläche

Was bedeutet “Ökokontofläche”?
Kommunen und sonstige Bauwerber müssen für größere Baumaßnahmen Ausgleichsflächen ausweisen. Dadurch sollen Eingriffe in die Natur und Landschaft "ausgeglichen" werden. Wenn eine solche Fläche bereits im Vorgriff vor einer späteren Baumaßnahme bereit gestellt wird, spricht man von einer Ökokontofläche.
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Antwort der Gemeindeverwaltung am 31.03.2009

Besten Dank für das umfangreiche Material zur Biotop-Fläche der Stadtwerke München am Fallschacht Gleißental.
Aus fachlicher Sicht bestanden gegen die Schaffung einer ökologischen Fläche an dieser Stelle seitens der Verwaltung keine Einwände und Bedenken. Nur bei der Besprechung vor Ort am 19.02.2008 wurde gebeten, die konkrete Gestaltung der Fläche und somit auch eines Walles, planmäßig darzustellen und der Gemeinde zur Stellungnahme zukommen zu lassen. Die Vertreterin der Stadtwerke München sagte dies zu und bot eine persönliche Vorsprache bei Herrn 1. Bgm. Schelle mit Erläuterung des Projektes an.
Aus nicht bekannten Gründen erhielt die Gemeinde Oberhaching keine Plankopie des Vorhabens und keine Nachfrage zu einem Termin, so dass über den Zeitraum hinweg der Eindruck entstand, dass das Vorhaben fallengelassen bzw. verschoben worden sei.
Die dann im Spätsommer doch erfolgten Bauarbeiten und die Reaktion auf unsere Aussage, keinen Plan erhalten zu haben, erstaunten die Verwaltung sehr.
Im folgenden wird an den Termin des BUND Naturschutz bei Herrn 1. Bgm. Schelle am 11.09.2008 erinnert, bei dem Einigkeit bestand, dass die Gemeinde auf der Entfernung des Walles bestehen wird. Grund hierfür ist die Gleichbehandlung von Kieswerkbetreibern, deren Aufschüttungen nur temporär genehmigt sind und dann wieder aus dem Landschaftsbild entfernt werden müssen oder deren Eingriffe in die Hangkante nicht hingenommen werden können und den Stadtwerken München, die mit der Errichtung des Walles ohne Antrag und etwaiger Genehmigung einen Schwarzbau legitimiert bekommen hätten, der in den anderen genannten Fällen mit Nachdruck verhindert werden soll. Ein Schutz des Biotops durch Balken oder Baumstämme gegen das wilde Befahren wurde seitens der Gemeinde in Aussicht gestellt.
Folge war, ein Ortstermin am 18.09.2008 mit den Stadtwerken München, bei dem der Gemeinde die Entfernung und nicht nur die Reduzierung des Walles zugesichert wurde.

Um so erstaunter war der Unterzeichner, als er am 08.12.2008 kurzfristig für einen Termin vor Ort von den Stadtwerken München angerufen wurde, um eine Entscheidung über die Wallhöhe zu treffen. Vor Ort konnte der Unterzeichner nur das Ergebnis des Ortstermins vom 18.09.2008 wiedergeben. Ein Angebot eine kostengünstige Entsorgung des Humus zu vermitteln, wurde von den Stadtwerken München verärgert abgelehnt, die Fläche eingeebnet und der überschüssige Humus auf den Magerflächen aufgebracht, die somit als reines Wechselkrötenbiotop nicht mehr geeignet waren.

Zwischenzeitlich haben Gespräche zwischen den Stadtwerken München und dem Landratsamt München stattgefunden, die vorhandene Fläche so zu gestalten, dass sie als Biotopfläche nicht nur für Wechselkröten sondern auch für andere Amphibienarten wie z.B. den Laubfrosch geeignet ist und den Status als Ökokontofläche für die Stadtwerke erhält. Vorgeschlagen wurde hier zur Schaffung von guten Bedingungen für Laubfrösche, die Belassung der Wasserflächen, die Anlage einer Auslassgrube und die Einsaat mit autochthonem Rasenmaterial. Hinzu kommen die Anlage von krautigen Säumen an den Wasserstellen und um das ganze Areal verteilt die Pflanzung von Büschen und Bäumen in Inseln, die als Deckung und Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen dienen sollen.
Aus Sicht der Gemeinde besteht kein Hindernis, die Flächen so zu gestalten und vielleicht sogar einen vielfältigeren Lebensraum für deutlich mehr verschiedene Tier- und Pflanzenarten zu schaffen. Wie in allen diesen Fällen bedarf es bei allen Beteiligten Geduld über einen längeren Zeitraum, bis sich der gewünschte Zustand einstellt.