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09/2022 Vogelzug

Vielleicht fällt Ihnen im Garten manchmal ein Vogel auf, den Sie dort sonst noch nie gesehen haben – es könnte ein Zugvogel auf der Durchreise sein.
Vögel unterteilt man bekanntlich in Standvögel, die das ganze Jahr in ihrem Brutgebiet bleiben, und Zugvögel. Die in der kalten Jahreszeit schlechten Bedingungen zur Nahrungssuche, besonders nach Insekten, lassen viele Vögel in wärmere Regionen abwandern. Im Frühjahr kehren sie aber wieder zurück, um die üppigen Nahrungsquellen für die Aufzucht ihrer Jungen zu nutzen.

Kurzstreckenzieher wie Feldlerche, Kiebitz oder Hausrotschwanz fliegen ins milde West- und Südeuropa. Sie brechen erst im Herbst dorthin auf und kehren schon im Spätwinter zurück, wobei sie die Zugtermine an die aktuelle Wetterlage anpassen. Langstreckenzieher wie Mauersegler, Rauchschwalbe und Neuntöter hingegen überwintern in Afrika südlich der Sahara. Sie ziehen meist im August weg und kehren im April zurück. Des Weiteren gibt es Teilzieher wie z.B. Buchfinken, Erlenzeisige und Meisen, von denen nur einzelne Populationen Wanderungen unternehmen. Manche Vogelarten ziehen auf breiter Front, während andere bestimmten Zugkorridoren folgen.

Abzugszeit, Zugrichtung und -entfernung sind bei den meisten Zugvogelarten genetisch vorgegeben. Daneben orientieren sich Vögel am Erdmagnetfeld, am Sonnenstand und nachts am Sternenhimmel. Vor allem im Nahbereich orientieren sich Vögel auch optisch, aber auch bei Langstreckenflügen folgen sie gern markanten Leitlinien wie Flüssen, Meeresküsten oder Gebirgen. Durch Selektion der besten Zugstrategien oder durch Klimaveränderungen verändert sich das Zugverhalten der Vögel laufend.

Über den Vogelzug wissen wir noch nicht lange so gut Bescheid. Erst durch die Beringung, bei der die Vögel vorübergehend gefangen und mit einem beschrifteten Ring am Bein versehen werden, und durch die moderne Satelliten-Telemetrie, bei der die Vögel mit einem kleinen Sender ausgestattet werden, der regelmäßig Positionsdaten übermittelt, ist das Zugverhalten etlicher Vogelarten recht gut erforscht.
Wichtig ist diese Forschung insbesondere für den – internationalen – Schutz der Vögel, denn für den Fortbestand vieler Vogelarten müssen Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiete in gutem Zustand sein.

Der weite Flug ist für die Vögel anstrengend und gefährlich, wegen natürlicher Hindernisse wie Wüsten und Meere als auch durch menschgemachte Gefahren wie z.B. Stromleitungen und die – z.T. auch in Deutschland erlaubte – Jagd auf bestimmte Vogelarten.
Ein großes Problem insbesondere im Mittelmeerraum (u.a. Malta und Zypern) ist die illegale Tötung von Vögeln mit Schusswaffen, Netzen oder Leimruten, sei es zum Verzehr oder als Trophäe. Besonders dramatisch ist die Situation in Nordafrika und dem Nahen Osten: allein an der Mittelmeerküste Ägyptens werden an 700 Kilometer langen Netzen jedes Jahr zig Millionen Vögel gefangen. Es verwundert nicht, dass in den letzten Jahrzehnten die Bestände unserer Zugvögel, insbesondere der Langstreckenzieher, schneller zurückgegangen sind als die Bestände anderer Arten.

Dank geographischer Gegebenheiten konzentriert sich das Zuggeschehen in Europa an bestimmten Orten wie Gibraltar und dem Bosporus, in Deutschland v.a. an der Küste und dem Alpennordrand. Doch wer die Natur hier bei uns aufmerksam beobachtet, bemerkt den Vogelzug auch in Oberhaching. Zwar ziehen viele Vögel unbemerkt nachts, doch kann man schon im Juni/Juli an Gewässern rastenden Watvögeln wie Bruch- und Waldwasserläufer begegnen, die bereits ihre nordeuropäischen Brutgebiete verlassen haben. Im August und September sind dann regelmäßig rastende Durchzügler wie Trauerschnäpper und Gartenrotschwanz in den Gärten zu finden. Den – erlebbaren – Höhepunkt erreicht der Vogelzug im Oktober, wenn viele Vogelarten auch tagsüber ziehen. Abertausende Ringeltauben fliegen in oft riesigen Schwärmen zielstrebig gen Westen, gelegentlich erscheinen Kormorane in langen Ketten oder in V-Formation und der Himmel ist erfüllt vom Ruf ziehender Buchfinken und etlicher weiterer Zugvögel.
Im Winter tauchen Gäste aus dem Norden an den Futterstellen auf, z.B. Bergfinken und Erlenzeisige, während am Hachinger Bach Eisvögel Jagd auf kleine Fische machen. Im Frühjahr zeigen die ersten Gesänge u.a. von Zilpzalp und Mönchsgrasmücke, dass der Heimzug in vollem Gange ist.
Der Vogelzug bringt immer wieder besondere Beobachtungen in Oberhaching, wie Störche, Fischadler, Bienenfresser oder Wiedehopf. Seit einigen Jahren haben zudem Kraniche eine neue Zugroute nördlich der Alpen etabliert, so dass die stolzen Vögel auch hier manchmal zu sehen sind.

Markus Dähne