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04/2022 Brennnessel - geschätzt oder verachtet

Allein das Wort Brennnessel – gemeint sind die Große und die Kleine Brennnessel – löst bei vielen Menschen schon Juckreiz und Unbehagen aus. Dabei ist sie eine alte, einheimische Nutzpflanze, von der sämtliche Pflanzenteile Verwendung finden. Nicht umsonst trägt sie unter anderem auch den Volksnamen „Tausendnessel“.

Das häufig vorkommende, anspruchslose Nesselgewächs gedeiht auf nähr- und stickstoffreichen Böden (Stickstoffanzeiger), wo es sich durch Samen und bodennahe Wurzelausläufer gut vermehrt. Die oft flächig auftretende, bis zu zwei Meter hoch wachsende Große Brennnessel hat eine herausragende Bedeutung als Futterpflanze für viele Insekten und Vögel. Für mehr als dreißig heimische Falterarten, darunter das Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs oder der Admiral, dient sie zum Teil ausschließlich als Raupenfutterpflanze.

Seit Jahrtausenden spielt die Brennnessel auch für uns Menschen eine wichtige Rolle. Unverzichtbar ist ihre Verwendung in der Volksheilkunde, wo sie zu den bekanntesten Kräutern in unseren Breiten zählt. Hippokrates empfahl die Pflanze zur Leib- und Blutreinigung. Unter Kennern alter Hausmittel hat sich die auch als Urtikation bezeichnete Behandlung, das Auspeitschen der Glieder, bis heute erhalten. Diese gute Wirksamkeit bei rheumatischen Erkrankungen, auch bei Harnwegsinfektionen und Nierengrieß ist wissenschaftlich erwiesen. Von der NHV Theophrastus (Paracelsus e.V., Verein zur Förderung der naturgemäßen Heilweise) wurde die Große Brennnessel zur Heilpflanze des Jahres 2022 ernannt. In der modernen Pharmaindustrie spielt sie jedoch kaum eine Rolle.

Bis zum 18. Jahrhundert war die zweihäusige, mit dem Hanf verwandte Große Brennnessel die bedeutendste faserliefernde Nutzpflanze (Leinen der Armen), bis sie schließlich von der Baumwolle verdrängt wurde. Schon im 12. Jahrhundert wurde das Nesseltuch erwähnt. Die Faser eignet sich vorzüglich zur Herstellung von Berufskleidung, Betttüchern, Zeltbahnen und von Stricken. Lange war sie zum Verbinden infizierter Wunden unverzichtbar.

Die Brennnessel ist auch eine alte Gemüsepflanze. Durch ihre Verfügbarkeit und die lange Vegetationsperiode war sie nicht nur in Notzeiten ein beliebtes, eiweißreiches Lebensmittel. Bereits ab dem zeitigen Frühjahr sind die spinatartigen, aromatisch würzigen, jungen Blätter und Triebspitzen wichtige Vitamin- (A, C, E) und Mineralstoffversorger (Magnesium, Kalium, Eisen und Silicium als lösliche Kieselsäure). Ältere Blätter können Einlagerungen von Kalziumoxalatkristallen enthalten, deshalb sollten für die Küche möglichst junge Nesseln Verwendung finden. Bis zum Herbst können auch Blütenknospen und Blüten sowie Samen geerntet werden. Diese Früchte, die sich überwiegend an den herabhängenden weiblichen Blütenzweigen befinden, enthalten ein nussartiges Öl mit hohem Gehalt an der essentiellen Linolsäure.

Zum Schutz vor Fressfeinden sind Stängel und Blätter der Brennnessel mit Brennhaaren versehen. Diese kleinen Härchen bestehen aus einzelligen, am unteren Ende flexiblen und mit Brennflüssigkeit gefüllten Röhrchen mit einer am oberen Ende spröden Spitze, die bei Berührung leicht abbricht und die Haut ritzt. Der eindringende Zellsaft (enthält unter anderem Histamin, Ameisensäure und Acetylcholin) kann einen brennenden Schmerz auslösen und juckende Quaddeln hervorrufen.

Schenken Sie der Brennnessel doch mehr Aufmerksamkeit und trauen Sie sich ruhig, den Speiseplan damit zu bereichern. Kurzes Überbrühen mit heißem Wasser oder vorsichtiges Abrollen mit dem Nudelholz zerstört die Brennwirkung. Um unsere verwöhnten Gaumen nicht zu überfordern, ersetzen Sie als „Einsteiger“ zunächst eine kleinere Menge an Spinat durch Brennnessel. Zusammen mit anderen (Wild-)Kräutern schmeckt sie gut in Suppen, Omelettes, Pestos, Kräuterquark, etc.. Anregungen gibt es reichlich, denn so gut wie kein Kräuter-Kochbuch kommt ohne diese wertvolle Zutat aus. Und eine kleine Brennnesselecke im Garten ist eine Superfood-Quelle sowie ein Insekten- und Vogelbuffet gleichzeitig. Ausserdem ist ein Brennnesselauszug ein hervorragendes Pflanzenstärkungsmittel und als Jauche ist sie ein wirksamer Dünger.

Regionaler und günstiger geht es kaum!

Brigitte Nerl