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02/2021 Nutri-Score – die neue (freiwillige) Lebensmittelkennzeichnung

Die sogenannte Ampel-Kennzeichnung – als Vorschlag einer europaweit einheitlichen und verpflichtenden Nährwertkennzeichnung zur einfachen und verständlichen Information über die ernährungsphysiologische Beschaffenheit eines Lebensmittels – ist 2010 am Lobbyismus der Industrie gescheitert. Das derzeit geltende EU-Recht sieht für die Verwendung dieser als Entscheidungshilfe für besseres Einkaufen und gesünderes Essen gedachten, erweiterten Kennzeichnung auf nationaler Ebene keine verpflichtende, sondern nur die freiwillige Anwendung vor. Etliche Länder haben jedoch längst einzelstaatliche Lösungen dafür gefunden.

Im Herbst 2020 ist nun auch Deutschland der im Koalitionsvertrag verankerten Umsetzung nachgekommen. Auf freiwilliger Basis können Hersteller den Nutri-Score, eine Art Lebensmittel-Ampel, nutzen. Dieses in allen Bevölkerungsschichten leicht verständliche Logo wird auch von Fachkreisen inklusive der WHO empfohlen. In einigen Ländern ist es bereits etabliert. Visuell gut wahrnehmbar und ergänzend zu den bestehenden Pflichtkennzeichnungselementen, insbesondere der Zutatenliste und der Nährwerttabelle, kann die Vorderseite eines Produkts mit diesem Logo versehen werden:

Bei dieser fünfstufigen Farb- und Buchstabenskala wird der Nährwert eines Produktes angezeigt, indem der Energiegehalt sowie die ernährungsphysiologisch günstigen und ungünstigen Nährstoffe nach einem wissenschaftlichen Prinzip miteinander verrechnet werden, so dass verschiedene Produkte einer gleichen Kategorie (z.B. Fertigpizzen unterschiedlicher Hersteller) einfach miteinander verglichen werden können.

Trotz dieser positiven Richtung in die Einflussnahme auf das Verbraucherverhalten ist hier noch ziemlich viel Luft nach oben. Ein großes Manko ist, dass das Label nicht verpflichtend eingeführt wird. Generell können Labels jedoch nur eine Orientierung geben. Sie sind allein noch kein Siegel für Qualität. Für viele Unternehmen ist die Nutzung des Nutri-Scores eine willkommene Werbung, die Bewertung an sich ist dabei für den Kunden schwer nachvollziehbar. Insgesamt ist der Verbraucher also gut beraten, sich Gedanken zu machen und die einzelnen Produkte gegeneinander abzuwägen, auf Inhaltsstoffe zu achten (Zutatenliste, Nährwerttabelle), auf die Herkunft der Zutaten und auf die Art der Herstellung (diese Angaben sind leider nicht verpflichtend vorgeschrieben). Dafür ist es unerlässlich, sich ernährungsphysiologische Grundkenntnisse zur Unterscheidung von Gesundem und Ungesundem anzueignen. Eine Empfehlung für eine universelle, gesunde Ernährung gilt längst als überholt. Neueste Studien zeigen, dass sich zu viel Fett eher positiv auswirkt als zu viele Kohlenhydrate. Eine der allerersten Ernährungsrichtlinien hat bis heute Gültigkeit. Sie empfiehlt Abwechslung, Mäßigung, sowie zu viel Fett, Zucker und Stärke zu meiden.

Wer sich kritisch mit der Zusammensetzung seiner Nahrung auseinandersetzt, wird bald feststellen, dass es oft nicht mehr als Grundzutaten für eine gute Mahlzeit braucht, ganz ohne lange Zutatenlisten mit vielen unnötigen Bestandteilen, wie sie häufig vor allem in Fertig- und Halbfertigprodukten enthalten sind. Größtmögliche Transparenz erhält der Verbraucher durch die eigene Zubereitung seiner Mahlzeiten. Auf Genuss braucht dabei niemand zu verzichten.

Brigitte Nerl