11/2020 Artenvielfalt im Darm

Artenvielfalt und Biodiversität werden meist mit Natur und Umwelt in Verbindung gebracht. Inzwischen wird jedoch auch immer deutlicher erkannt, dass ein gesundes Ökosystem im und auf unserem Körper (Haut, Mund, Nase, Vagina, Darm) eine genauso wichtige Rolle spielt, denn es beruht auf dem gleichen Prinzip: Im menschlichen Mikrobiom, bestehend aus unzähligen Bakterienspezies, Einzellern und Pilzen, halten nützliche Arten schädliche Bewohner in Schach und sorgen so für unsere Gesundheit und für Wohlbefinden.

Unter Forschern ist besonders das Potential vom Darmmikrobiom in den Fokus geraten. Diese aus Billionen von Bakterien und tausenden von Arten bestehende Schatzkammer wurde lange als simpler Verdauungshelfer bei der Nahrungszersetzung verkannt. Tatsächlich beeinflussen die Darmmikroben wohl viele körperliche Funktionen, wie den Energiehaushalt, das Herz-Kreislauf-System oder die Immunabwehr und es werden immer neue Arten gefunden. Inzwischen ist auch bekannt, dass die Darmmikroben die Psyche stark beeinflussen. Diese relativ neue Erkenntnis spielt eine große Rolle bei der Therapie von Krankheiten sowie bei der Entwicklung und Wirkung von Arzneimitteln. Zur Sanierung eines aus dem Gleichgewicht geratenen Darm-Ökosystems findet mittlerweile sogar die Transplantation von fäkalen Bakterien Anwendung.

Die wichtige Interaktion zwischen Darm und Gehirn ist auch im allgemeinen Sprachgebrauch verankert: „Aus dem Bauch heraus“, „auf das Bauchgefühl hören“. Im Volksmund heißt es auch: „Gesunder Darm, gesunde Psyche“. Dass der Ursprung aller Krankheiten im Darm liegt, befand schon Hippokrates vor mehr als 2000 Jahren.

Die Zusammensetzung der Darmbewohner ist so individuell wie unser Fingerabdruck. Sie ändert sich je nach Umgebung, Ernährung, Lebensstil. Eine artenreiche Darmflora ist vererbbar. Sorgen macht dabei jedoch der Artenschwund, denn viele Darmmikrobenarten sind schon ausgestorben. „Stuhlbanken“, in denen Menschen mit gesundem Darm Kot spenden können, sollen zur Arterhaltung beitragen. So verwundert es nicht, dass die Hinterlassenschaften von Völkern und Stämmen mit möglichst wenig Einfluss durch den westlichen Lebensstil besonders gefragt sind.

Um das Ökosystem im Verdauungstrakt im Gleichgewicht zu halten, benötigen die Darmbakterien gutes Futter, vor allem viele Ballaststoffe (Vollkorn, Nüsse, Obst, Gemüse, Trockenfrüchte). Stressfaktoren wie einseitige Ernährung, Rauchen, eine hektische Lebensweise, aber auch Antibiotikatherapien sind für ungünstige Auswirkungen und Zivilisationskrankheiten bekannt.

Gerade dieses noch weitgehend unerforschte Gebiet zeigt wieder einmal die Unverzichtbarkeit vom Zusammenwirken der unterschiedlichsten Arten in ökologischen Systemen, in denen jede einzelne Art mit seiner jeweils individuellen Aufgabe zur Gesunderhaltung und Widerstandsfähigkeit beiträgt. Insgesamt eine kostenlose Leistung der Natur, die es unter allen Umständen zu schützen und zu erhalten gilt.

Brigitte Nerl